Kapitel II

Die Zeit der heiligen Kinga

1257–1292

Ungarische Königstochter, Krakauer Fürstin, Herrin des Sandezer Landes und Nonne – in fünfunddreißig Jahren gab Kinga Sącz eine Stadt, ein Kloster und einen Namen, der sieben Jahrhunderte überdauert hat.

6 Min. Lesezeit

Sie wurde am 5. März 1234 in Gran (Esztergom) geboren, als Tochter des ungarischen Königs Béla IV. und der Maria Laskarina aus byzantinischem Kaisergeschlecht. Königliches Blut hatte sie also von beiden Seiten.

Als fünfjähriges Kind kam sie im Jahr 1239 nach Polen und wurde in Wojnicz mit Bolesław verlobt, dem Sohn Leszeks des Weißen. Die Hochzeit fand in Krakau „nach 1246“ statt, und die Ehe war, so will es die Überlieferung, keusch.

Herrin und Fürstin von Sącz

Im Jahre des Herrn 1257, am zweiten Tag des März, übergab in Korczyn Fürst Bolesław, den die Nachwelt den Schamhaften nannte, seiner Gemahlin das Sandezer Land. Nicht aus bloßer Laune, sondern als Entgelt für ihre Mitgift.

Vierzigtausend Mark Silber hatte die ungarische Königstochter mitgebracht, und all das war in den Wiederaufbau des Fürstentums geflossen, das die Tataren im Jahr 1241 mit Feuer und Schwert verwüstet hatten. Der Historische Atlas polnischer Städte verbindet diese Schenkung hingegen mit den Mitteln, die für die Lokation Krakaus im selben Jahr geliehen worden waren.

Mit welchem Recht sie dieses Land hielt, darüber streiten die Gelehrten bis heute. Die einen schreiben von vollem Eigentum mit fürstlicher Gewalt, die anderen von lebenslangem Nießbrauch, wieder andere – nach der Abschrift einer Urkunde von 1661 – von einer Verpfändung von Sącz und 28 Dörfern. Gewiss ist eines: Fortan nannte sie sich domina et princeps de Sandech, Herrin und Fürstin von Sącz.

Aus dem Dorf wird eine Stadt

„Gründung der Stadt im Jahr 1257“ – so schreiben es die Reiseführer, doch das ist eine Vereinfachung. Die Lokationsurkunde ist spurlos verloren, und die Lokation nach deutschem Recht datiert man vorsichtig auf die Jahre 1257–1273.

Noch am 4. Juni 1268 verlieh Kinga in Korczyn das Schulzenamt von Sącz einem gewissen Pysz (Pyschon) – Sącz war damals ein Dorf mit einem Schultheißen. Doch schon am 18. April 1273 nennt eine Urkunde, die die Bürger vom Zoll befreit, den Vogt Michael, advocatus de civitate nostra Sandecz – den Vogt „unserer Stadt Sącz“. Zwischen diesen Daten wurde aus dem Dorf eine Stadt. Ein weiteres Zollprivileg folgte im Jahr 1278.

Die Anlage der neuen Stadt folgte Zipser und ungarischen Vorbildern – Kaschau, Preschau, Leutschau, Bartfeld, Podoliniec –, mit dem Maß der „kleinen“ Messschnur von 125 Fuß Länge. Kinga brachte aus ihrer Heimat nicht nur Silber mit, sondern auch ein Vorbild. Die Pfarrkirche stellte man unter den Schutz der hl. Elisabeth und der hl. Margarete – der Tante und der Schwester der Fürstin.

Die Herrin von Sącz sorgte auch für die Umgebung. Sie verlieh Mühlen in Podegrodzie, befreite die Siedler in Gołkowice für 30 Jahre von Abgaben, wofür sie den Urwald roden sollten, und die Pfarrei in Biegonice erhielt 1269 ihre erste Kirche. Die Lokationsurkunde von Gołkowice aus dem Jahr 1276 fand Prof. Stanko im Ossolineum.

Das Kloster der armen Frauen

Im westlichen Teil der Terrasse entstand ein Franziskanerkloster mit der Kirche des hl. Stanislaus, bestimmt für zwölf Brüder. Im Jahr 1287 fand dort ein Provinzkapitel statt. Am 7. Dezember 1279 starb Bolesław, und die verwitwete Kinga begab sich nach Sącz.

Die Stiftungsurkunde des Klarissenklosters trägt das Datum des 6. Juli 1280. Kinga übergab dem Konvent die Stadt Sącz mit der Zollkammer und 28 Dörfer – darunter Biegonice, Barcice, Łącko und Zarzecze – mit Flüssen, Mühlen, Teichen und Waldbienenstöcken. Dieser Besitz gehörte zu den größten unter den polnischen Klarissen.

Im Jahr 1281 bestand die Gemeinschaft bereits, und die ersten Schwestern kamen aus Skała. Papst Martin IV. bestätigte die Stiftung am 2. Juli 1283, und um 1285 gewährte Erzbischof Jakub Świnka denen Ablässe, die den Bau der Klosterkirche unterstützten.

Ganz ohne Streit ging es nicht ab. Leszek der Schwarze, Bolesławs Nachfolger, bestritt Kingas Rechte am Sandezer Land. Ein Vergleich, den Bischof Paweł von Przemanków vermittelte, ließ ihr das Sandezer Land, wofür sie auf Biecz und Korczyn verzichtete.

Tataren vor den Toren und die letzten Jahre

Im Dezember 1287 und Januar 1288 kam die Angst: Ein Tatareneinfall zwang Kinga und die Schwestern zur Flucht auf die Burg im Pieniny-Gebirge bei Krościenko. Die Tataren brannten die hölzerne Kirche in Biegonice nieder, die Kinga 1288 wiederaufbaute.

Im Januar jenes Jahres zerschlugen die Ungarn eine mongolische Abteilung circa castrum Zandech – „bei der Burg Sącz“. Ob damit die Burg in Podegrodzie gemeint war oder die Stadt selbst, weiß man nicht.

Nach dem Sturm kam die Stille des Klosters. Im Jahr 1288 begann Kinga ihr Noviziat, und am 24. April 1289 legte sie die Profess in die Hände von Bischof Paweł ab. Ob sie formell Äbtissin war, darüber schweigen die Quellen; als Äbtissin folgte ihr Gryfina.

Am 21. September 1291 begann ihre Krankheit, und am 24. Juli 1292 starb Kinga in Stary Sącz. Man bestattete sie in einer Kapelle der Klosterkirche.

Sie hinterließ ein bleibendes Erbe. Die Klarissen bewahrten Musikhandschriften aus dem 13. Jahrhundert – Choralbücher mit nachgetragener Mehrstimmigkeit und ein Fragment von etwa 1300, wohl an Ort und Stelle abgeschrieben, mit dem Conductus Omnia beneficia. Nach ihm ist das heutige Festival für Alte Musik benannt.

Einige Monate nach Kingas Tod, am 8. November 1292, stellte König Wenzel II. das Lokationsprivileg für Nowy Sącz aus. Für Kingas Stadt begann eine neue, schwierigere Epoche.

Auf alten und neuen Fotos